~Info-Brief 24-2017

für die 38. KW
15. Sep. 2017

Am Bienenstand – Bienenwachs und Mittelwände
Ein Gastbeitrag von Dr. Sebastian Spiewok

Berlin(ssp) Die Qualität des Bienenwachses ist seit den jüngsten Wachsverfälschungen wieder ein viel diskutiertes Thema. Ein Rückblick: Von 2015 bis in dieses Jahr hinein haben in Deutschland mindestens vier Hersteller Mittelwände aus Wachs mit erhöhten Paraffin-oder Stearinanteilen auf den Markt gebracht. Auch in den Nachbarländern sorgte vor allem Wachs mit Stearin für Aufsehen. Die daraus gefertigten Mittelwände schädigen die Brut, wie Studien in Belgien inzwischen belegt haben. Die Königin bestiftet flächig die Brutwaben, doch junge Brut stirbt ab. Dadurch entsteht ein löchriges Brutbild, das auf den ersten Blick leicht mit Inzucht oder Brutkrankheiten verwechselt werden kann. Mancher Imker wird daher heute noch die Ursache für seine Probleme nicht erkannt haben. Analysen können hier für Aufschluss sorgen, doch leider sind sie nicht ganz billig. Mit dem sogenannten Thie-Test können Sie das Wachs aber grob auf Stearinzusatz überprüfen. Dazu legen Sie ein Stück Mittelwand mithilfe eines Gewichts über Nacht in Wasser. Erscheint am nächsten Tag auf dem getrockneten Wachs eine weiße Schicht, die Sie nicht wie die bekannte Wachspatina mit einem Haarfön entfernen können, ist es sehr wahrscheinlich mit Stearin versetzt.

 

Qualität fördern

Zurzeit trauen einige Mittelwandhersteller dem Wachs der Imker nicht, weil darin gestrecktes Wachs gelandet sein könnte. Sie greifen lieber auf Importware mit Zertifikat zurück. Auf der anderen Seite mistrauen nicht wenige Imker den Herstellern, da Importware die jüngsten Probleme schließlich erst ausgelöst hatte. Um die Situation zu klären, sind Anstrengungen von vielen Seiten nötig. Grundsätzlich sind die Hersteller und Händler für die Qualität ihrer Produkte verantwortlich. Diese können sie durch ein entsprechendes Qualitätsmanagementsystem sicherstellen. Imker sollten beim Einkauf von Mittelwänden verstärkt auf Qualität achten. Die einzelnen Auslobungen, mit denen Mittelwände beworben werden, sollen im Folgenden kurz erläutert werden.

Pestizidfrei: Es gibt vermutlich kein gänzlich pestizidfreies Bienenwachs. Korrekt wäre daher die Angabe einer Bestimmungsgrenze, oberhalb derer keine Pestizide gefunden wurden.

Pestizidarm: Für Bienenwachs im Imkereibereich wurden keine Höchstmengen für Rückstände festgelegt. Es gibt auch keine gesetzliche Definition des Begriffes „pestizidarm“. Daher darf im Prinzip jedes Wachs „pestizidarm“ genannt werden. Nur ein Blick auf ein beigelegtes Analysezertifikat zeigt, nach welchen Rückständen mit welcher Bestimmungsgrenze gesucht wurde.

Varroazidfrei: Varroazide machen zwar den Löwenanteil der Rückstände aus, aber andere mögliche Belastungen fallen bei dieser eingeschränkten Analyse unter den Tisch. Das kann durchaus problematisch sein. Ein Beispiel: Afrikanisches Bienenwachs ist zwar meist frei von Varroaziden, in manchen Fällen enthält es jedoch recht hohe Rückstände einzelner Wirkstoffe aus der Landwirtschaft oder der Mückenbekämpfung.

Biowachs: Da die EG-Ökoverordnung nur Lebensmittel betrifft, fällt Bienenwachs nicht in deren Geltungsbereich. Folglich gibt es auch kein Bienenwachs mit Ökosiegel. Die einzige bestehende Regelung für „Biowachs“ ist, dass es aus zertifizierten Bioimkereien stammen muss –Höchstgrenzen für Rückstände fehlen. Belastetes Biowachs kann also nicht beanstandet werden. Die Bioverbände gehen in ihren Bestimmungen allerdings über die Regelungen der EG-Ökoverordnung hinaus. So dürfen Mittelwände bei Bioland und Demeter nur aus Entdeckelungs- und Naturbauwachs bestehen. Auf diese Weise wird einer eventuellen Anreicherung von Schadstoffen vorgebeugt.

„100 % Bienenwachs“ oder „reines Bienenwachs“: Jeder Imker erwartet natürlicherweise, dass in Mittelwänden aus Bienenwachs nur Bienenwachs enthalten ist. Das mag in der Regel auch der Fall sein. Aufgrund eines fehlenden Standards für Bienenwachs in der Imkerei bieten in einem Rechtsstreit aber auch diese Aussagen allein momentan keine Sicherheit. So ist das Wort „rein“ mehrdeutig, da es schlicht bedeuten kann, dass das Wachs frei von Schmutzpartikeln ist.

Zertifikate: Wenn Sie entsprechend ausgelobte Ware kaufen, sollten Sie sich die jeweiligen Versprechen belegen lassen. Inzwischen legen viele Händler Zertifikate bei oder stellen diese auf ihrer Internetseite bereit. Fehlt ein solcher Nachweis, sollten Sie den Hersteller oder Händler darauf ansprechen. Achten Sie darauf, dass die Analysen von einem bekannten europäischen Labor durchgeführt wurden. Außerdem sollten Sie bei Zertifikaten mit lange zurückliegendem Datum stutzig werden. Überprüfen Sie die angegebenen Rückstandsuntersuchungen auf deren Umfang: Die Analysen sollten neben den international eingesetzten Varroaziden auch eine große Palette an Pflanzenschutzmitteln und Bioziden umfassen.

 

Ein Standard fehlt

Im Rahmen der jüngsten Affäre hat sich erneut gezeigt, dass im Imkereibereich ein Standard fehlt, der die Qualität von Bienenwachs definiert. Ist das Wachs gestreckt, hat der Imker aufgrund des Fehlens eines festgelegten Standards keine Handhabe in einem Rechtsstreit – es sei denn, die Mittelwände erfüllen ihre Funktion nicht, da sie zusammensacken oder die Brut abtöten. Um einen gesetzlichen Standard festzulegen, müssten die zuständigen Behörden Akteure aus Imkerei, Politik, Analytik, Wissenschaft und Handel an einen Tisch bringen. Damit dies geschieht, müssen die Imkerverbände am Ball bleiben. Bislang zeigten sich die Behörden hinsichtlich eines gesetzlichen Standards jedoch eher zögerlich. Eine Variante wäre daher die Einführung eines freiwilligen Standards, dessen Einhaltung durch eine unabhängige Stelle überprüft wird.

 

Offener Wachskreislauf

In den Imkereien beginnt mit der Einwinterung der Bienen nun auch die Zeit der Wachsverarbeitung. Im Rahmen der Wabenhygiene sind viele Altwaben angefallen. In einigen Imkereien wartet auch das Entdeckelungswachs aus der Honigernte noch darauf, eingeschmolzen zu werden. Wer sein Altwabenwachs vom Entdeckelungs- und Naturbauwachs noch getrennt aufbewahrt, sollte es am besten auch gesondert weiterverarbeiten: Das frische Entdeckelungswachs verwenden Sie zur Herstellung von Mittelwänden; das Wachs aus den Altwaben, in denen bereits eine Mittelwand steckt, sollten Sie hingegen aus dem Kreislauf entfernen. Sie können daraus beispielsweise Kerzen herstellen.

Der Grund für diese Trennung ist, dass Rückstände aus der Umwelt und von synthetischen Varroaziden ins Wachs übergehen können. Wird das Wachs immer wieder recycelt, können sich die Rückstände darin anreichern. Indem man das Altwachs in einem offenen Kreislauf systematisch aussortiert, oder dessen Anteil zumindest immer wieder deutlich reduziert, verhindert man eine solche Anreicherung. Mit der Beschränkung auf Entdeckelungs- und Naturbauwachs erhalten Sie Mittelwände aus Wachs besonderer Qualität.

 

Ein weiteres Standbein

Auch Imker sollten verantwortungsvoll mit ihrem Wachs umgehen und Qualitätswachs produzieren. Kerzenreste oder andere Fremdmaterialien haben im Wachskessel nichts verloren. Ein mittelfristiges Ziel könnte der Auf-bau einer größeren Wachsproduktion in Deutschland sein, denn mit einer Betriebsweise ohne synthetische Varroazide, wie sie in Deutschland weit verbreitet ist, können hiesige Imker vermutlich eine besonders gute Wachsqualität liefern. Denkbar wäre beispielsweise auch der Aufbau von Wachserzeugergemeinschaften. Hierzu sollte sich die Sicht auf den Wert des Wachses ändern – sei es in ideologischer, biologischer oder auch in finanzieller Hinsicht: Bienenwachs ist ein besonderer Naturstoff, der ein wichtiger Bestandteil von Bienenvölkern ist und als Ware wieder einen guten Preis erzielt. Um das zu erreichen, sollte die Produktion von Bienenwachs entsprechenden Raum in den Imkerschulungen bekommen. Es lohnt sich also, das Schulungsprogamm gegebenenfalls um diesen Punkt zu erweitern.

 

Umfrage zu Bienenwachs

Das Deutsche Bienen-Journal führt aufgrund der aktuellen Thematik eine Umfrage über die Verwendung von Wachs und Mittelwänden in der Imkerei durch. Hierzu liegen bislang kaum Daten vor. Wir würden uns freuen, wenn Sie unter www.bienenjournal.de an dieser Umfrage teilnehmen. Wer sich zudem genauer über die jüngsten Wachsverfälschungen, deren Quellen und Auswirkungen sowie generell über das Thema Wachsqualität informieren möchte, findet dazu auf der Internetseite Informationen unter der Rubrik „Fachberichte“ im Dossier „Wachsskandal“.

Kontakt zum Autor: sebastian.spiewok@bauernverlag.de

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